8. Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte 2007

Sie waren dabei

Mitläuferinnen, Nutznießerinnen, Täterinnen
im Nationalsozialismus

 

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Freitag, 5. Oktober - Samstag, 6. Oktober 2007

Internationales Jugendgästehaus Dachau
Roßwachtstr. 15, 85221 Dachau
Tel.: 08131-617712
Fax: 08131-617719
Email: info@jgh-dachau.de

Google Maps Routenplaner

 

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Waren Frauen, die im Nationalsozialismus als KZ-Aufseherinnen Dienst taten, „Bestien", wie damals die Zeitungen im Prozess gegen Ilse Koch, die Frau eines KZ-Kommandanten, schrieben, - oder ganz normale Frauen? Wie stand es um Mitarbeiterinnen bei der Gestapo, die an Deportationen mitwirkten, oder um Krankenpflegerinnen in Heil- und Pflegeanstalten angesichts des Euthanasie-Programms? Wie verhielten sich NS-Frauenschafterinnen, Mitglieder des „Bundes deutscher Mädel" oder Krankenhelferinnen im „Osteinsatz"? Warum lieferten Denunziantinnen ganz bewusst andere Menschen aus? Identifizierten sie sich mit dem System, mit seiner rassistischen Ideologie, mit seinen mörderischen Programmen?

Das 8. Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte beschäftigt sich mit den Frauen, die nicht Opfer des NS-Systems waren oder Widerstand leisteten, sondern mit denjenigen, die mitmachten, mitliefen oder profitierten, die das System bejahten und stützten oder selbst folterten und mordeten. Erst seit den 1970er Jahren wird nach der Rolle von Frauen für die Durchsetzung und den Erfolg des nationalsozialistischen Regimes gefragt. Dies war damals das Verdienst der neuen Frauenbewegung, die Frauen als handelnde Personen der Geschichte thematisierte und auch die Zeit des Nationalsozialismus nicht ausklammerte.
Das Ergebnis: Frauen waren nicht anders oder besser, sie handelten wie Männer abhängig von ihrer Position, ihrer politischen Einstellung und ihrer ethnischen Zugehörigkeit.

Seit einigen Jahren nimmt sich nun eine neue Forscherund Forscherinnengeneration, geprägt von den nationalen und internationalen Forschungen zu Gender, zu Professio-nalisierung und zur Historischen Anthropologie, erneut der Thematik an. Hier geht es nicht mehr nur um Frauen allein. So machten z.B. die Untersuchungen zu den „ganz normalen Männern", die aktiv an den Verbrechen mitwirkten, deutlich, wie sehr der Blick bis hinein in die Nachkriegsprozesse von impliziten oder expliziten Vorannahmen über die Geschlechterrollen im Nationalsozialismus bestimmt war. Vielfach wurde weibliche „Schuld" daher erst gar nicht thematisiert, hätte dies doch vorausgesetzt, Frauen als aktiv und selbstverantwortlich Handelnde zu sehen. Wenn doch, erschien die Teilnahme von Frauen an Mord und Vernichtung als sehr viel verwerflicher als die von Männern. Doch auch Frauen handelten mit eigenen Interessen und Überlegung.

Das Symposium hat sich zum Ziel gesetzt, solche Fragen kritisch zu analysieren. Hierzu laden wir Sie herzlich ein.

• Peter Bürgel, Oberbürgermeister der Stadt Dachau
• Prof. Dr. Marita Krauss, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
• Dr. Bernhard Schoßig, Projektleiter
• Barbara Thimm, Päd. Leiterin Jugendgästehaus Dachau


Rezensionen:

Sie waren dabei: Mitläuferinnen, Nutznießerinnen, Täterinnen im Nationalsozialismus
Bericht von: Felizitas Raith, LMU-München

Sie waren dabei: Mitläuferinnen, Nutznießerinnen, Täterinnen im Nationalsozialismus
Bericht von: Thomas Köhler, Universität Münster


Programm


Freitag, 5.10.07

13.00 Uhr

Oberbürgermeister Peter Bürgel, Dachau
Barbara Thimm, Leiterin des Jugendgästehauses Dachau
Begrüßung

Dr. Bernhard Schoßig
Einführung

   
13.30 - 15.00 Uhr Prof. Dr. Marita Kraus (München)
Ganz normale Frauen. „Täterinnen“ Forschung als Genderforschung

 

I. "Die deutsche Frau und Mutter"

 

15.30 - 17.00 Uhr

 

Dr. Gudrun Brockhaus (München)
Mutter und Frau in Johanna Haarers Erziehungsratgebern der NS-Zeit

Dr. Wiebke Lisner (Hannover)
„Mutter der Mütter“ – „Mütter des Volkes“?
Hebammen im Nationalsozialismus

Dipl.pol. Katrin Himmler (Berlin)
„Herrenmenschenpaare“: Nationalsozialistische Elite und rassenideologische (Selbst)Verpflichtung


  II. Die organisierte Frau

 

17.30 - 19.30 Uhr

 

Prof. Dr. Elizabeth Harvey (Nottingham)
„Wir kamen in vollkommenes Neugebiet rein“: NS-Frauenschaft, BDM und Reichsarbeitsdienst für die weibliche Jugend im „Osteinsatz“

Dr. Christiane Berger (Hamburg)
Die Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink

   
Anschließend Buffet und Gespräche
   

Samstag, 6.10.  

  III. Nutznießerinnen und (Mit-)Täterinnen

 

9.00 - 11.15 Uhr

 

Dr. Christoph Thonfeld (Hagen)
Frauen und Denunziation

Dipl. Pol. Elisabeth Kohlhaas (Leipzig)
(Mit-)Täterschaft. Frauen bei der Gestapo

Dr. Simone Erpel (Berlin)
Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück

 

  IV. „Täterinnen“ im Blick der Nachkriegsjustiz

 

11.45 Uhr

 

Dr. Claudia Kuretsidis-Haider (Wien)
Täterinnen vor Gericht. Die Kategorie Geschlecht bei der Ahndung von nationalsozialistischen Tötungsdelikten in Deutschland und Österreich

Lavern Wolfram (Berlin)
Eine KZ-Aufseherin und die Justiz in der SBZ, der DDR und in der Bundesrepublik nach 1990

   
13.30 Uhr Tagungsende mit Mittagessen
 
Leitung

Dr. Bernhard Schoßig
Pädagoge, ehemaliger Leiter des Jugendgästehauses Dachau, Herausgeber der Tagungsbände in der Reihe Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte


 

Referenten

Dr. Claudia Kuretsidis-Haider

Wissenschaftliche Ko-Leiterin der zentralen österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz, Mitarbeiterin des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), z.Zt. Sachbearbeiterin im Projekt "Namentliche Erfassung der Opfer politischer Verfolgung 1938-1945"

Forschungsschwerpunkte:
Nachkriegsjustiz (Ahndung von NS-Verbrechen in Österreich), Vergangenheitspolitik und Gedenkkultur(en), Holocaust, Widerstand und Verfolgung in Österreich

Publikationen:
[Gemeinsam mit Winfried R. Garscha:] "Keine Abrechnung". NS-Verbrechen, Justiz und Gesellschaft in Europa nach 1945, Wien-Leipzig 1998;

NS-Verbrechen vor österreichischen und bundesdeutschen Gerichten. Eine bilanzierende Betrachtung. In: Thomas Albrich/Winfried Garscha/Martin Polaschek (Hrsg.),

"Holocaust und Kriegsverbrechen vor Gericht – Der Fall Österreich", Innsbruck 2006, S. 329-352;
"Das Volk sitzt zu Gericht". Die österreichische Justiz und die Ahndung von nationalsozialistischen Verbrechen an ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern am Beispiel der Engerau-Prozesse 1945-1954 [in Druck].

Koordinierung und Nachbereitung (Publikation eines Konferenzbandes) des von der Zentralen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz veranstalteten Symposions "Genocide on trial. Von den Nürnberger bis zum Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag"

Elisabeth Kohlhaas

Diplom-Politologin
Mitarbeiterin in dem Editionsprojekt "Kinder über den Holocaust. Frühe Zeugnisse 1944-1947" unter der Leitung von Prof. Dr. Alfons Kenkmann als Zusammenarbeit des Zentrums für Lehrerbildung und Schulforschung der Universität Leipzig mit dem Jüdischen Historischen Institut Warschau
Dissertationsprojekt "Ein ganz normaler Arbeitsplatz? Frauen bei der Gestapo 1933-1945" (Arbeitstitel)

Wissenschaftliche Tätigkeit
2003 - 2005 Forschungs- und Dokumentationsprojekt "Nationalsozialistische Verbrechen am Kriegsende 1945 in Aschaffenburg und an Aschaffenburgern" im Auftrag der Stadt Aschaffenburg

2001/2002 Forschungs- und Dokumentationsprojekt "NS-Militärjustiz und das Kriegsende 1945 in Aschaffenburg" im Auftrag der Stadt Aschaffenburg

seit 2001 Teilnehmerin an dem Forschungscolloquium zur Alltagsgeschichte und Historischen Anthropologie von Prof. Dr. Alf Lüdtke, Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen und Universität Erfurt

1997/98 redaktionelle Mitarbeiterin an dem "Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933-1945", hrsg. von Gerhard Paul, Claus-Dieter Krohn u.a., erschienen Darmstadt 1998

1997 Werkvertrag an der Universität Flensburg "Das Handeln von Frauen in der NS-Diktatur: Die weiblichen Bediensteten der Gestapo 1933-1945"

1994 - 1997 wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Forschungsprojekt "Die Gestapo 1933-1945. Struktur, Arbeitsweise und Wirkung einer Zentralintitution des NS-Maßnahmenstaates" unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Steinbach, Freie Universität Berlin, und Prof. Dr. Gerhard Paul, Universität Flensburg

Tätigkeit in der politisch-historischen Jugend- und Erwachsenenbildung
1999 - 2001 Referentin für die internationale Jugendarbeit bei dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., Landesverband Hessen, mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit in Osteuropa

1993 Lehrauftrag am Fachbereich Politikwissenschaft der Freien Universi-tät Berlin zum Thema "Politische Bildung in den neuen Bundesländern"

1990 - 1994 Dozentin in der politisch-historischen und der internationalen Jugend- und Erwachsenenbildung, zuletzt als stellvertr. Leiterin des freien Bildungsträgers Akademie Schwerin e.V., Leiterin des Fachbereichs "Politische Bildung, Rhetorik und Kommunikation" der Akademie